Geistliches Wort

16.November 2021, 17:35 Uhr, irgendwo zwischen Marne und Itzehoe. Hinter mir liegt ein langer Tag und Novemberregen. Vor mir ein gemütlicher Abend am gedeckten Tisch. So der Plan. Aber der muss warten, meine Tasche, in der sich alle wichtigen Dinge des Lebens befinden, thront nicht wie gewöhnlich neben mir auf dem Beifahrersitz. Ich steuere sofort einen Parkplatz an und suche das gesamte Fahrzeug ab. Nichts. Ich schreibe eine Nachricht. „Es wird später, fangt schon mal an. Die Tasche. Ja, alles drinnen. Mist. Nein, nicht die Karte sperren. Auch der Kalender. Es tut mir leid.“ Ich drehe um und düse zurück, gehe gedanklich all die Plätze des heutigen Geschehens ab. Panik steigt in mir auf. Das ist schon ein bisschen merkwürdig, wundere ich mich. All diese Dinge sind ersetzlich. Bloß nicht über reagieren. Der letzte Ort meiner Hoffnung ist die Kirche. Zum Glück stecken die Schlüssel in meiner Manteltasche. Immerhin. Die Kirche liegt da, als ruhte sie sich vom Getümmel des vergangenen Tages aus. Ich schließe mich durch ihre schweren Türen, kenne den Ort der Lichtschalter nicht und kämpfe mich durch das Labyrinth der Dunkelheit. Beim Betreten des Kirchenschiffs scheint nur ein kleines Licht in die abendliche Schwärze und erleuchtet den Innenraum. Es sind drei kleine Kerzen, die offenbar von Besuchern am Kerzenbaum entzündet wurden. Ihre warmen Lichter laden mich ein, Platz zu nehmen. „Setz dich ein wenig her!“, raunen sie mir zu. Natürlich tun sie es nicht wirklich. Ich stelle es mir nur ein bisschen vor. „Bald ist Weihnachten!“ Und mir fällt das Wort des Propheten Jesaja ein: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ (Jesaja 9,1.) Zum ersten Male an diesem Tag breitet sich eine tröstliche Ruhe in mir aus und eine leise Vorfreude auf dieses schöne Fest. „Bald ist Weihnachten!“ Werden Sie so kurz vor den Festtagen auch dünnhäutiger? Alle Jahre wieder. Zum Glück. Unsere besondere Weihnachtsempfindsamkeit führt bisweilen zu Einsichten, die uns bei einer Neuausrichtung hin zu einer „helleren“ Welt helfen können. Die Schöpfung ächzt, ihre Kreaturen leiden. Waffengewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und bittere Armut begegnen uns täglich. Wohin steuert unser Planet? Wann wollen wir das Ruder in die Hand nehmen? In der Vorweihnachtszeit heißt es für uns: Stehenbleiben, verschnaufen, das Gepäck ablegen, die Füße entspannen, den Rücken durchstrecken und sich zum Licht träumen. Endlich ankommen, das Wunder der Ankunft Jesu in Herzen erleben. Voller Hoffnung die Nähe Gottes spüren. Wie gut es tut, für einen Moment innezuhalten und sich zum Ziel zu träumen. Hin zum großen Licht. Ich wünsche uns allen, dass wir nicht nur in den kommenden Tagen nach diesem hellen Licht Ausschau halten. Dass wir Zeit finden – füreinander und für Gott, der uns das Leben geschenkt hat und uns mit diesem Kind in der Krippe nahe sein möchte. Gesegnete Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr. Bleiben Sie behütet!

Ihre Sandra Ruge-Tolksdorf

P.S.: Meine Tasche habe ich wiedergefunden, allerdings nicht in der Kirche.

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