Aktuelle Predigt

März 15th, 2020

Liebe Leser*innen,
da es zurzeit nicht möglich ist, Gottesdienste in unserer Maria-Magdalenen-Kirche und in der Kapelle in Neufeld zu feiern, veröffentlichen wir als Trostpflaster die aktuelle Predigt von Pastor Petrowski:

 

Gedanken über Markus 14,3-6 am Sonntag Palmarum am 05. April 2020
Pastorin Maike Engelkes (Windbergen und Marne)

Palmarum, so heißt der heutige Sonntag. Mit Palmzweigen wurde Jesus begrüßt, als er nach Jerusalem einzog. Zusammen mit seinen Jüngerinnen und Jüngern wollte er dort das Passahfest feiern. Gemeinsam mit vielen anderen, die sich ebenfalls auf den Weg gemacht hatten.
Palmarum – dieser Tag eröffnet die sogenannte Karwoche. Jeder Tag dieser Woche bringt uns dem Kar-Freitag näher, dem Tag des Leidens, dem Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde.
Die Tage der Kar-Woche sind der christlichen Tradition nach stille Tage.
Still ist auch das Leben bei uns in dieser Zeit.
Es fehlt das Lachen der Kinder auf den Strassen und Spielplätzen, es fehlt der Fangesang in den Fußballstadien am Wochenende, wenn überhaupt, dann hört man laute Musik nur noch hinter verschlossenen Fenstern.
Stiller, langsamer und ruhiger ist das Leben  geworden.
Und wir spüren immer deutlicher, was uns auch fehlt und was wir vermissen: 
nicht zuletzt … dass wir uns einfach mal, wie gewohnt, auf der Strasse vor Freude in den Arm nehmen können, wenn wir uns beim selten gewordenen Einkauf begegnen.
Nähe und Berührungen – nie waren sie so kostbar wie heute.
Besonders für die, die allein leben und die nur noch selten Besuch bekommen können.
Um kostbare Berührungen geht es in einer Geschichte aus dem Markusevangelium.
Im 14.Kapitel wird erzählt, wie Jesus einkehrt in das Haus von Simon. Es liegt nahe zu denken, dass Jesus ihn vor einiger Zeit geheilt hat. Sein Name verrät noch die Krankheit, unter der litt. Simon, der Aussätzige, so nennt ihn der Evangelist.
Und wir wissen: Wer aussätzig war, der hatte niemanden an seiner Seite, der wurde gemieden, Weil man dachte, die Krankheit sei eine Strafe.
Jesus ist zu Gast bei Simon, dem Geheilten, und mit ihm seine Jünger.
Vermutlich lagen sie auf dem Boden, wie es üblich war, versammelt um einen niedrigen Tisch, darauf einige Speisen und etwas zu trinken. Brot, Früchte, Kräuter und etwas Öl vielleicht für den guten Geschmack, Wasser, Wein.
„ da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Als wüsste sie genau, was richtig ist und was zählt, in diesem Moment. So geht die Frau, vielleicht anfangs zögerlich, doch dann ohne sich beirren zu lassen, geradewegs auf Jesus zu.
Ganz schön mutig, in einem Raum, in dem nur Männer sitzen…so war das damals, so ist heute noch häufig in orientalischen Ländern.
Ja, sie geht einfach los…hinein in den Raum.
Sie, die Frau, die nicht einmal einen Namen trägt im Markusevangelium.
Stattdessen trägt sie in ihren Händen ein kleines Gefäß aus Ton, einen Krug, in dem sich Öl befindet. Kostbares Öl, mit dem Kranke gesalbt wurden – auch Könige. Öffnet man den Deckel des tönernen Gefäßes, so verströmt sich ein wunderbarer Duft.
Die Frau trägt das Öl und sie sieht nur auf Jesus.
Und der sieht sie an.
Sein Blick macht ihr Mut.
Aufrecht geht sie weiter.
Sie bemerkt die vorwurfsvollen Seitenblicke der anderen. Sie spürt, wie sie sie verurteilen. Sie hört die Worte der Männer, das Tuscheln was hat die Frau hier zu suchen… muss das denn sein…gibt es nichts Wichtigeres…sie kann doch wohl nicht…das Öl!!! Himmel nochmal, was könnten wir alles mit diesem Geld…
Um Geld, um die Wirtschaft, um Unterstützung der Betriebe geht es jetzt auch bei uns… die Corona Pandemie bringt kleine und große Unternehmen in große Schwierigkeiten. Viele Betriebe haben geschlossen, können nicht mehr produzieren. Welche Auswirkungen das haben wird, ist jetzt noch gar nicht abzuschätzen. Menschen bangen um ihre Einkünfte. Mieten können nicht mehr gezahlt werden.
Das verunsichert und macht Angst.
Das treibt viele in die Armut….und in die innere Einsamkeit.
Zu allen Zeiten gab es das. Menschen, die von der Hand in den Mund lebten.
Auch zu Zeiten Jesu gab es arme Menschen.
Jesus weiß das. Die Männer um ihn herum wissen das. Die Frau ebenso.
Hilfe tut not. Essen, Wohnung und gute medizinische Versorgung . Damals und heute.
Die Frau spürt aber auch, dass noch etwas anderes Not tut. Sie sieht es im Blick Jesu.
Und: ihr Herz sagt ihr das.
Wo Angst herrscht und Unsicherheit, wo es darum geht, der Vernunft zu folgen und Vernünftiges Handeln in den Vordergrund zu stellen, da erwacht gleichzeitig die Sehnsucht.
Die Frau weiß das.
Als sie vor Jesus steht, öffnet sie vorsichtig den Korken ihres Gefäßes. Keinen Tropfen von dem kostbaren Öl will sie verschwenden.
Und sie lässt das Öl in einem dünnen Rinnsal direkt auf Jesu Kopf fließen.
Das ganze Öl rinnt ihm über Kopf und Schläfen…auch ins Gesicht hinein. Und der ganze Raum ist erfüllt von Duft und Sinnlichkeit.
Nichts für Menschen, die nur vernünftig denken.
… für die, die alles in Zahlen, Daten und Fakten verstehen und begreifen.
… die sagen: ich glaube nur, was ich sehe.
Die Frau spürt in diesem Moment Größeres…Sie spürt: Hier ist Gott. In diesem Moment. In jedem Tropfen vom kostbaren Öl.
Und: Jesus nickt ihr zu.
Bis nach Ostern soll in Deutschland die Kontaktsperre wegen Corona jetzt verlängert werden.
Das ist nötig.
Und es ist vernünftig.
Es ist richtig und unbedingt geboten, dass wir uns daran halten.
Kontaktsperre – das gebietet die Vernunft.
Doch was ist mit der Sehnsucht, dem Wunsch nach Nähe, nach Zuwendung und Berührung?
Was ist unser Salböl, mit dem wir uns Gutes tun können und zeigen, dass wir uns nahe sind auch in der Distanz… und dass Gott mitten unter uns ist?
Was berührt in dieser berührungsarmen Zeit?
Lebe verschwenderisch, so verstehe ich das Handeln der Frau…auch oder gerade, wenn du dich ängstigst: verschwende deine Zeit mit Anrufen bei denen, die dir wichtig sind…vergeude die Tagesmomente mit guten Gesprächen, mit dem Schreiben von Briefen, mit dem Nähen von Schutzmasken, mit Lachen  und mit gutem Essen. Tu dir Gutes und denke dich in die Nähe derer, die dir jetzt so fern sind.
Bleib verbunden mit deinen Lieben. In Gedanken und Worten.
Bleib verbunden mit deinem Herzen, das dir sagt, was gut ist und was du brauchst.
Dann bleibst du verbunden mit Gott. Gott ist  an deiner Seite und Gott hält keine Krise davon ab, dir nahe zu sein.
Und Liebe, die zusammen mit der Vernunft das Gebot dieser Zeit sind, die Liebe Gottes möge dich behüten und bewahren. 

 

Gedanken zum Sonntag Judika am 29. März 2020
Pastor Rainer Petrowski

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das ist eine Erfahrung, die der Verfasser des Hebräerbriefes im Neuen Testament gemacht hat, liebe Gemeinde. Auch er hat Phasen durchstehen müssen, in denen sein Leben gefährdet schien, in denen Krisen und schwere Zeiten zu überstehen waren. Zeiten, in denen er nicht sehen  und wissen konnte, was auf ihn zukommen wird, was sein und werden wird, wie es weitergehen wird. Zeiten, in denen er Angst um sein Leben und das Leben seiner Lieben hatte. Zeiten, in denen er Abschied von nahestehenden und geliebten Menschen nehmen musste. Seine Trauer und seinen Schmerz hält er in seinem Brief mit diesem bekannten Wort fest: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Seitdem hat dieses Wort so viele Menschen beim Abschiednehmen und in Krisensituationen begleitet und getröstet. Und heute begleitet es uns an diesem Sonntag, in der vor uns liegenden Woche und vielleicht auch in der Zeit, in der wir die Corona-Pandemie überstehen müssen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Der Hebräerbrief erinnert an die Erfahrung, dass nichts ist ewig. Dass alles seinen Anfang und sein Ende hat. Dass alles seine Zeit hat. Und dass das Ende und der Tod oft schneller kommt als wir denken und verkraften können. Der Tod bringt alles durcheinander und stellt alles in Frage. Der Tod, der alles verändert, alles so neu und vor allem fremd werden lässt, scheint übermächtig zu sein. Aber nicht erst der Tod, sondern bereits die Angst und Sorge vor dem Tod lässt uns deutlich spüren: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Und doch bleibt der Hebräerbrief an dieser Stelle nicht stehen. Dieser Erfahrung wird gleichzeitig eine Hoffnung gegenüber gestellt. Die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten wird. Die Hoffnung, dass der Tod zwar unsere Zeit hier auf Erden beendet, aber wie alles andere eben auch Anfang und Ende hat und nicht das Letzte ist. Die Hoffnung, dass es nach dem Tod eine Zukunft für uns gibt und wir nicht ins Nichts gehen. Die Hoffnung, dass Gott mit uns noch etwas vor hat. Auch der Tod hat seine Zeit. Auch der Tod hat Anfang und Ende. Es ist die uralte christliche Hoffnung, dass Gott es nicht zulassen wird, dass am Ende der Tod siegt, sondern dass Gott dafür sorgen wird, dass sich das Leben durchsetzt. Grund dieser Hoffnung ist Jesus Christus. Seine Geburt im Stall in Bethlehem. Sein Sterben am Kreuz am Karfreitag. Seine Auferstehung am Ostersonntag. Zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens lässt Gott uns im Stich oder allein. Zu allen Zeiten sind für Gott wichtig, sind und bleiben wir von Gott geliebte Geschöpfe, einmalig, Originale. Das ist Gottes großes Versprechen bei unserer Taufe. Niemals werde ich dich im Stich lassen. Niemals dich allein lassen. Nicht im Leben, nicht in Krisen, nicht im Sterben. Gott ist da an jedem Tag unseres Lebens. Und das läßt uns hoffen, dass Gott uns auch jetzt in den Tagen, in denen der Corona-Virus unser Leben bestimmt nicht allein lässt, uns nicht einem blinden Schicksal oder dem Zufall oder dem Corona-Virus überlässt. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“


Liebe Gemeinde,
mit Gott wird man nicht fertig ein Leben lang nicht. Es gibt für Christen und Christinnen keine bleibende Stadt mit genauen religiösen Sicherheiten und Vorstellungen, mit einem System, das Gott gefügig macht, mit dem man Gott in den Griff bekommt. Christen und Christinnen sind immer im Aufbruch hinauf zur zukünftigen Stadt. Der Glaube ist keine statische, sondern eine dynamische Sache, er darf sich an den Herausforderungen des Lebens verändern. Er darf am Leid wachsen, er darf Gottesbilder in Frage stellen und es darf für den Glauben auch Zeiten geben, in denen er die Abwesenheit Gottes fühlt. Zweifel sind keine Zeichen dafür, dass es keinen Gott gibt oder Gott unendlich weit weg ist, sondern Ausdruck eines ganz besonderen Glaubens. Denn was ich zutiefst in Frage stelle, beschäftigt mich, lässt mich nicht los. Wir glauben  an Gott,  aber wir haben ihn nicht einfach.  Wir suchen Gott, gerade auch in Zeiten, in denen er uns fremd wird, in denen wir ihn nicht verstehen können. Wir suchen Gott mitten in unserer Zeit, mitten in unserer Welt, mitten in unserem Leben. In dieser Suche  spüren wir schon den Lebenssinn, ein erfülltes Leben in aller Gebrochenheit, sehen wir schon die ersten Lichter der zukünftigen Stadt.
Suchende sein. Sich nicht zufrieden geben mit dem, was man erreicht hat. Nicht schon fertig sein mit allem und jedem: mit Gott und der Welt. Fertig im Urteil. Genügsam mit den angesammelten Vorurteilen. Sondern den Mut haben, unfertig Suchende zu sein. Suchende nach der zukünftigen Stadt, in der es keine Ausgeschlossenen, Abgeschriebenen mehr gibt, sondern alle Bleiberecht haben. In der Liebe und Güte sich küssen. Und Gerechtigkeit herrscht. Gottes Gerechtigkeit. Und Friede wohnt. Bis dahin: Suchende bleiben. Gehende bleiben. Die sich nicht in einem Drinnen einrichten, während draußen gelitten wird. In gewisser Weise auch Unzufriedene bleiben, Unbequeme, Protestanten eben, die aber nicht nur protestieren, sondern selbst Hand anlegen um diese Welt ein wenig heller und wärmer und erträglicher zu machen. Die sich gerade in einer Zeit wie dieser, liebe Gemeinde, den anderen zuwendet. Nicht direkt, nicht von Angesicht zu Angesicht, aber indem wir miteinander telefonieren oder uns Briefe, Postkarten oder E-Mails oder eine WhatsApp schreiben. Indem wir füreinander da sind, füreinander einkaufen, zur Apotheke gehen. Indem wir füreinander beten.  Indem wir uns gegenseitig Mut machen und uns zusagen:

Gehe weiter durch den Wind
Gehe weiter durch den Regen
Auch wenn sich alle Deine Träume in Luft auflösen.
Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen
(„You´ll never walk alone“ von Gary and the Pacemakers)

Gerade jetzt gibt es so viele Ideen. Eine Kerze ins Fenster stellen und sie an jedem Abend gegen 19 oder 20 Uhr anzünden. Eine kleine Andacht zu Hause feiern. Vielleicht ein alt bekanntes oder neues Kirchenlied singen. Den 23.Psalm sprechen oder das Vaterunser oder das, was uns gerade in den Sinn kommt. Die Kreativität hat und kennt hier keine Grenzen. Was passt zu ihnen? Es gibt ganz sicher was. Gleichgültig was es sein wird, denn alles dienst dazu, uns gegenseitig Mut zu machen und zu zeigen: Du wirst niemals alleine gehen. Falls sie Hilfe brauchen, ein Anruf im Kirchenbüro reicht. 574. Oder bei mir.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das heißt nicht vor der Corona-Krise, vor den Ängsten und Sorgen den Kopf in den Sack stecken, nicht resignieren, nicht aufgeben. Wir sind doch nicht allein. Wir können füreinander da sein. Wir haben Gott an unserer Seite. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das heißt wir leben im Hier und im Jetzt. Das Dunkle, die Angst und Sorge werden nicht siegen und die Oberhand behalten. Das Leben wird sich durchsetzen. Auch jetzt. Auch die Corona-Krise wird irgendwann überstanden sein und dann feiern wir ein Freudenfest, ein Fest des Lebens. Und dann machen wir uns wieder in einem ganz normalen Alltag auf den Weg. Als Suchende. Bis wir diese Stadt finden, die zukünftige, die verheißene. Denn “wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Gemeinsam und nicht allein.
Amen.

 

Gedanken zum Sonntag Lätare am 22. März 2020 über Johannes 12,24
Pastor Rainer Petrowski

Wir könn’n die Brücken nicht mehr seh’n
Zu viele Mauern aus Zement
Wir spür’n nicht mehr, was uns verbindet
Nur diese Kälte, die uns trennt
Wir sind ’n kleiner Teil des Ganzen
Doch könn’n das Ganze, das ganze nicht mehr teil’n
Sind so unendlich viele Menschen
Aber viel zu oft allein


So singt es Johannes Oerding in seinem Lied „Blinde Passagiere“. Auch er konnte nichts von einem Corona-Virus wissen, als er dieses Lied komponiert hat. Und doch drückt Johannes Oerding mit seinen Worten mächtig viel von dem aus, was viele von uns  aktuell befürchten. Da ist die Sorge, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, die Sorge krank zu werden, vielleicht sogar schwer krank. Ich hoffe, wir können auf die hören, die sich damit intensiv befassen und Ahnung haben. Die meisten, die daran erkranken, werden es kaum spüren oder wie eine stärkere Erkältung oder Grippe hinter sich bringen. Und dann sind sie sogar immun dagegen. Nur wenige, die zu einer Risikogruppe gehören, könnten schwerer erkranken und wenn alles Schlechte zusammenkommt vielleicht auch daran sterben. Deshalb müssen wir alles dafür tun, um die Infektionskette zu unterbrechen, so schwer es auch fallen mag, für eine gewisse Zeit Abschied vom Gewohnten und Geliebten nehmen zu müssen.
Da ist die Sorge, zu kurz zu kommen. Von Hamsterkäufen wird berichtet. Nicht so sehr bei uns in Dithmarschen, bei uns in Marne. Aber auch bei uns gibt es den einen oder die andere, die sich entschieden haben, Mengen an Kloopapier oder anderem zu kaufen. Ich hoffe, das wir denen vertrauen können, die politisch und wirtschaftlich Verantwortung tragen, und uns darauf verlassen, was sie uns sagen, dass es keinen Mangel an Waren gibt, dass es genug für alle gibt. Wir müssen das, was ausreichend da ist, nur gerecht verteilen. Also nicht zu viel mit nach Hause nehmen, sondern so viel wie ich bisher bei meinem Wocheneinkauf eingekauft habe. Dann werden die Geschäfte auch weiterhin volle Regale aufweisen und nicht leere. Da ist die Sorge, dass sich gerade jetzt die Ellenbogen-Mentalität durchsetzen wird. Dass jeder und jede nur an sich denkt und die anderen aus dem Blick verliert.
Dem möchte ich den Wochenspruch für diese Woche aus dem Johannesevangelium 12, 24 entgegenstellen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.“
Ein kleines Weizenkorn, was steckt da drin? Wie viel Energie. Wie viel Kraft. Kaum zu glauben. Es braucht Licht und Wasser und Erde, um sich entfalten zu können. Und dann wächst ein Geheimnis heran. Jedes Weizenkorn hat es in sich. Im Zeitalter der Massenproduktion und der Weizenüberschüsse machen wir uns meist keine Gedanken über ein einzelnes Weizenkorn. Unsere Lagerhäuser sind voll mit Weizen. Da kommt es auf ein einzelnes gar nicht an. Der Markt und die Marktwirtschaft sind das Problem.
Aber die Bibel erzählt nicht, was mit dem Weizen auf dem Markt los ist, sondern sie erzählt vom Leben und Sterben eines einzelnen Weizenkorns. So wichtig ist ein einzelnes Weizenkorn für die Bibel, für Gott. 
Es war einmal ein kleines Weizenkorn, das wollte nicht sterben. Das wollte immer nur leben. Für immer. Forever young. Und weil es immer nur leben wollte, weil es ganz gierig war nach Leben, blieb es allein. Ein einzelnes Weizenkorn.
Es war einmal ein kleines Weizenkorn, das war ganz allein. Und weil es so allein war, wurde es traurig. Es wurde ein depressives Weizenkorn. Das gibt es. So viel Energie in einem Weizenkorn. So viel Kraft. So viel Leben. Aber es bleibt Weizenkorn, weil es nicht sterben will. Eine traurige Geschichte ohne Happy End.
Es war einmal ein kleines Weizenkorn, das träumte vom Licht. Von Wärme und Geborgenheit. Von der Sonne. Vielleicht könnte das traurige und einsame Weizenkorn ja wieder das Lachen lernen, wenn es die Sonne wahrnehmen könnte.
Es war einmal ein kleines Weizenkorn, das war sehr vielwillig, das wollte nicht nur die Sonne haben mit Wärme und Licht, mit ihrer Energie und Kraft, sondern hatte auch viel Durst. Durst nach Wasser. Durst nach Leben. Das Weizenkorn wusste es, ohne Wasser kein Leben. Das kleine Weizenkorn, das leben wollte, hatte nur eines vergessen:
zum Leben brauchst du die Erde. Und wenn du als Weizenkorn Erde haben willst, dann musst du die Erde spüren. Dann musst du in die Erde hinein. Das kleine, traurige Weizenkorn hatte eine starken Willen. Aber es wollte nur Sonne und Licht und es wollte Wasser. Aber es wollte nicht in die Erde. Denn das bedeutete, das es sterben würde, nicht mehr leben würde. So blieb das Weizenkorn allein. Doch dann geschah es. Das kleine Weizenkorn, das nicht sterben und nicht in die Erde wollte, wurde in die Erde geworfen. Und damit veränderte sich alles. Wärme, Wasser und Erde sorgten dafür, dass es sich veränderte. Dass es starb und dadurch neues Leben möglich entstand. Das kleine Leben wurde groß. Aus einem Weizenkorn wurde ein Halm mit vielen Weizenkörnern. Es erlebte wie die Sonne auffing und unterging. Wie der Regen kam und ging. Wie es wuchs. Neues Leben.
Jesus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.“
Ein kleines Weizenkorn erzählt uns mitten in der Passionszeit, wie neues Leben entstehen kann und wie wir froh werden können. Ein kleines Weizenkorn bringt uns das Wort „Lätare näher. Freut euch. Es will sagen. Jetzt ist es Zeit, darüber nachzudenken, dass Leben nicht nur Sonnenschein ist. Dass Leben nicht nur heißt, den Durst nach Leben zu stillen. Leben ist ein schmerzlicher Prozess, in dem alles zusammen wirkt. Da musst du ganz tief in die Erde hinein. Denn du brauchst Wurzeln. Sonne, Wasser, Erde und ein Geheimnis, das Geheimnis des Lebens.
Wenn das Weizenkorn erstirbt, bringt es viel Frucht. Das Weizenkorn, ein Bild für Jesus. Jesus stirbt am Kreuz und wird am Ostersonntag zu einem neuen Leben auferweckt. Neues Leben entsteht. Am Ende siegt nicht der Tod. Am Ende bleibt das Sterben eines einzigen Weizenkorn nicht ohne Folgen. Neues Leben entsteht. Jesu Tod und Auferstehung haben das Leben grundlegend verändert und haben Folgen gehabt. Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es Frucht.
Viele Menschen, die ganz unten waren, werden vielleicht sagen können. Es ist wahr. Ich saß da ganz lange und ganz tief fest. Die Verzweiflung und die Trauer hielten mich. Aber jetzt ist Neues geworden. Ich lebe wieder. Ich bin wieder zurückgekehrt ins Leben. Mein Leben trägt mich wieder.
Und ich vertraue darauf, dass das auch für unsere aktuelle Situation und Krise gilt. Ja, das ist alles so neu und so fremd und so unwirklich. Ja, das macht Angst. Und doch werden wir diese Zeit überstehen und durchstehen. Meine Kinder sagen: Oma und Opa haben so viele schwere Zeiten und viel Schlimmeres durchgestanden, da werden wir es doch wohl schaffen, diese Zeit mit dem Corona-Virus durchzustehen.
Und ich bin mir sicher, wenn wir gerade auch jetzt nicht nur an uns selbst denken, sondern den anderen und die andere im Blick behalten. Wenn wir aufeinander achten und uns gegenseitig stützen, tragen und halten, dann werden wir diese Krise durchstehen. Und dann werden wir spüren, das wir gerade auch jetzt getragen  werden, in einer Zeit, in der sich manche vielleicht von Gott verlassen fühlen. Dass wir gerade jetzt von Gott und seiner Liebe getragen werden. In diesem Vertrauen werden wir diese Zeit überstehen und durchstehen und uns am Ende gemeinsam freuen.
Dann geschieht es. Leben entsteht wieder neu und ganz anders. Lätare. Freut euch. Es ist das Geheimnis der Liebe Gottes, dass das geschehen kann und geschieht. Das Menschen aus einer Dunkelheit heraus finden und wieder Licht am Ende des Tunnels und des Weges sehen.Das Menschen Krisen gemeinsam überstehen.
Lätare. Freut euch. Weil Jesus am Kreuz gestorben ist, können wir Gott gerade auch dann vertrauen, wenn in uns und um uns herum Dunkelheit ist. Können wir gerade dann auch darauf vertrauen, dass am Ende nicht der Tod siegt, sondern das Leben. So wie aus einem Weizenkorn viele neue Weizenkörner und damit neues Leben entsteht, so lässt der Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung neues Leben und neues Vertrauen ins Leben entstehen. Mitten im Leid, mitten in der Dunkelheit. Lätare. Freut euch. Mitten in der Passionszeit. Mitten in einer Zeit, in der sich alle Gedanken nur um Corona drehen.  Das Leben siegt. Deshalb freut euch. Deshalb verlernt nicht das Lachen, verliert nicht euren Humor und eure Lebensfreude. Gerade jetzt nicht. In einem anderen Lied singt Johannes Oerding:

Willst du bei mir sein, wenn mich mein Mut verlässt?
Bist du auch dann noch da, wenn ich mich selbst vergess‘?
Bist du der eine Mensch, der mich auf Händen trägt
Wenn ich müde bin und nichts mehr geht?
Bist du der eine Freund, der jeder Zeit bereit ist?
Der für mich weiter träumt, wenn ich an meinen Träumen verzweifle
Der wenn mein Selbstbewusstsein in Selbstmitleid erträgt
Mir dann noch zuhört, mich versteht, mir Frieden bringt
Denn all das, werde ich für dich sein
Ja, all das, mache ich ’n Leben lang für dich

Genau das ist es, was uns Gott ganz persönlich verspricht. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.“ Amen.

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