Aktuelle Predigt

März 15th, 2020

Predigt über 5.Buch Mose 7, 6-12 am 19. Juli 2020
Prädikantin i.A. Svenja Engel

Liebe Gemeinde,
vielleicht kennen Sie es auch – Momente, die sich so anfühlen, als würde man nicht genügen. Situationen, die einem das Gefühl geben, weit hinter den anderen zu stehen. Hinter denen, die einfach besser, interessanter oder einfach wichtiger zu sein scheinen. Die gefragt sind und im Mittelpunkt stehen, während man selber außen vor ist und sich dabei langweilig, uninteressant und überflüssig fühlt. Irgendwie wie zweite Wahl.
Und als zweite Wahl kam sich auch eine Frau vor, mit der ich vor einigen Tagen ins Gespräch kam. Diese Frau war nach ihrer Scheidung nach Brunsbüttel gezogen und suchte schon seit längerer Zeit dort in der Nähe einen neuen Arbeitsplatz. Die Frau war gut ausgebildet und hatte immer in ihrem Beruf gearbeitet. Sie war gerade 58 geworden und dachte eigentlich, dass sie an einem neuen Arbeitsplatz mit ihrer langjährigen Berufserfahrung gute Dienste leisten könnte – aber es kam ganz anders. Denn die Frau fand keine neue Arbeitsstelle. Wenn sie auf eine ihrer vielen Bewerbungen überhaupt eine Antwort bekam, war es: „Was, Sie sind ja bald schon 60! Das ist uns viel zu alt.“ Meistens jedoch bekam sie überhaupt keine Antwort. Gerne hätte sie bei einem Vorstellungsgespräch von sich erzählt. Berichtet, was sie an ihrem Beruf so liebt und worin ihre Stärken liegen – aber die Wahl fiel stets auf ihre Mitbewerber. Und das machte etwas mit der Frau. „Ich komme mir allmählich echt minderwertig vor“, sagte sie zu mir. „Klar bin ich nicht mehr die Jüngste, aber ich bin doch deswegen auch nicht schlechter als die anderen. Warum komme ich noch nicht mal in die engere Wahl?“
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat.
Diese Zeilen hörten wir eben in der Lesung, die uns Meike Dewitz aus dem 5. Buch Mose vorgelesen hat. Darin trifft Gott eine Wahl. Und Gottes Wahl hat mit dem, was die meisten von uns erleben, wenig gemeinsam. Gott erwählt nämlich nicht ein starkes und mächtiges Volk, sondern ein kleines und schwaches. Eines, dessen Menschen in Ägypten versklavt wurden. Eines, dessen Menschen unter Qualen und unerträglich harter Arbeit Städte für ihren Sklaventreiber, dem Pharao, bauen mussten. Für den Mann, der mit allen Mitteln versuchte, ihr Volk zu unterdrücken und klein zu halten.
Und auf eben dieses Volk traf Gottes Wahl. Aber warum entschied sich Gott ausgerechnet für dieses kleine, unterdrückte und schwache Volk? Dafür gibt es eine ganz klare Antwort: Gott liebte dieses Volk, die Israeliten. Und die Liebe des großen Gottes schenkte den Menschen dieses kleinen Volkes Stärke und Mut. Und ganz sicher haben die Israeliten dieses Geschenk nicht immer so richtig zu schätzen gewusst oder auch einfach nicht verstanden – aber an Gottes Liebe änderte sich dennoch nichts. Gottes Liebe blieb.
Gottes Liebe bleibt. Denn an seiner Liebe hat sich auch in den letzten über 3.000 Jahren nichts geändert. Damals galt sie den Israeliten und heute gilt sie uns. Gott hat eine jede und einen jeden von uns ebenfalls ausgewählt. Wir sind bei Gott erste Wahl. Und die Maßstäbe seiner Wahl heißen nicht Jugend, Erfolg, Intelligenz und Aussehen, sondern Liebe. Allein die Liebe. Gott hat uns aus Liebe auserwählt.
Mich stärkt es, zu wissen, dass ich erwählt wurde von einem, der viel wichtiger ist als alle anderen. Als zum Beispiel ein Arbeitgeber, der Menschen wegen ihres Alters ablehnt. Oder als Mitschüler, die einen glauben lassen, nicht gut genug zu sein. Denn die Geschichte der Frau mit den vielen vergeblichen Bewerbungen erinnerte mich auch an meine Zweifel. An meine Befürchtungen, der Prädikantenausbildung nicht gewachsen zu sein. Ich wurde zwar unter vielen Bewerbern ausgewählt, aber als es endlich losging mit meiner Ausbildung, hatte ich doch öfters die Befürchtung, keine gute Wahl gewesen zu sein.
Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat.
Aber wissen Sie was? Ich muss mich auch keiner Wahl mehr stellen, denn ich bin ja schon längst auserwählt. Von jemandem, der viel wichtiger ist als alles andere. Denn mich hat Gott schon ausgewählt! Und nicht nur mich allein, sondern auch Sie und euch. Jeder und jede einzelne von uns ist von Gott geliebt und auserwählt. Wir müssen uns mit niemandem messen, wir müssen nicht um die erste Wahl konkurrieren, darum buhlen, dass jemand uns erwählt. Wir sind doch schon längst erwählt.
Und das Wissen, dass ich bei Gott die erste Wahl bin, ermutigt mich. Der Gedanke hilft mir dann weiter, wenn ich eigentlich nur noch verzagen könnte. Der Gedanke führt mich immer wieder aus der Dunkelheit meiner Zweifel und Ängste. Mit der Gewissheit der Liebe Gottes können wir zu schwer Gewordenes oder Belastendes loslassen und ihm in die Hände legen. Denn bei Gott sind nicht die Starken und Mächtigen erste Wahl, sondern die Kleinen und Schwachen. Die, die an sich zweifeln oder mutlos sind. Ihnen gilt seine Liebe. Mit und bei Gott dürfen wir so sein, wie wir sind. Und das darf gern schon mal etwas älter oder auch etwas unsicher sein. Gott liebt uns. Gott liebt uns gerade deswegen. Amen.

Predigt über Lukas 5,1-11 am 12. Juli 2020
Pastor Rainer Petrowski

Irgendwie ist das schon etwas merkwürdig, liebe Gemeinde, dass wir uns so selten mit der Frage beschäftigen, wie es bei uns mit unserem ganz persönlichen Glauben angefangen hat. Dass der Alltag und die Dinge und Probleme, die uns im Alltag beschäftigen, uns so oft von dieser Frage ablenken. Erinnert mich fast ein wenig an Ehepaare, die im Laufe der Ehejahre und des Ehealltags mehr und mehr vergessen, wie das mit ihnen und ihrer Liebe angefangen hat. Dabei sind das oft die interessantesten und Mut machende Geschichten. Sehr beliebt bei Goldenen Hochzeiten oder Diamantenen Hochzeiten. Dabei bin ich immer wieder erstaunt darüber, dass Kinder und Enkel oft nicht wissen wie sich ihre Eltern und Großeltern kennen und lieben gelernt haben. Und noch weniger wissen Kinder und Enkel darüber Bescheid wann und wo und wie es bei ihren Eltern und Großeltern mit dem Glauben angefangen hat. Na klar, ich weiß, das ist nicht so ganz einfach und unbelastet, wenn Ältere Jüngeren von sich und ihrem Leben erzählen. Aber wenn das nicht von oben herab und nicht besserwisserisch geschieht, und wenn Jüngere ein wenig Interesse zeigen, Zeit schenken und zuhören, dann entwickeln sich sehr oft spannende und für alle Seiten gewinnende Erfahrungen.
Petrus z.B. konnte seinen Kindern und Enkeln eine mächtig spannende und interessante Geschichte erzählen, die uns vorhin Andrea Lensch vorgelesen hat.
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
Und weiter heißt es: 10 Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.
Die Berufungsgeschichte von Petrus. Bekannt und vertraut. Oft
gehört. Man könnte neidisch werden. Und sie, liebe Gemeinde?. Wie sieht das bei ihnen aus? Können sie auch so eine Berufungs-
geschichte erzählen, als es mit ihrem Glauben begann? Als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich oft darunter gelitten, dass ich keine Berufungsgeschichte auf Lager habe. Viele Jahre dachte ich, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist und nicht stimmt. Zu einem richtigen Glauben und einem richtigen und echten Christen gehört nun einmal eine richtige Berufungs-geschichte. Ein Erlebnis, in dem Jesus mir ganz persönlich begegnet und mich beruft. Aber bei mir? Keine Spur davon! Keine Berufungsgeschichte. Kein besonderer Moment oder ganz bestimmter Zeitpunkt, den ich nennen könnte, an dem ich angefangen habe zu glauben, durch den ich Christ geworden bin.
Und bei ihnen? Hätten sie eine Berufungsgeschichte auf Lager? Können sie sich überhaupt noch daran erinnern, wie es bei ihnen angefangen hat? Einen Moment, in dem sie angefangen haben an Gott zu glauben? Christ zu werden?
Wie oft habe ich Petrus beneidet. So klar, so eindeutig. Jesus vor sich. Eine direkte Begegnung. Ein Gespräch. Ein gemeinsames Erlebnis. Und was für ein Erlebnis. Etwas das eigentlich völlig unmöglich war. Petrus kennt die genaue Uhrzeit, den genauen Ort und den konkreten Anlass. Zu beneiden. Das alles kann ich nicht nachweisen. Ich kenne weder Zeit, noch Ort, noch Anlass. Ich kann ihnen keine Berufungsgeschichte erzählen. Und doch ist auch bei mir der Glaube an den Gott des Lebens und der Liebe entstanden. Und doch ist auch aus mir ein Christ geworden. Und genau dieser Zeit beschreibt es ganz genau und exakt. Aus mir ist ein Christ geworden. Über einen langen Zeitraum. Es gab nicht den einen Moment, den einen Ort, den einen Anlass und zack war ich Christ. Es hat viele Jahre und Jahrzehnte gebraucht. Ich bin Christ geworden über einen langen Zeitraum. Der Glaube ist in mir
gewachsen und wächst immer noch. Mein Glaube hat sich verändert, ist dabei nicht immer nur gewachsen, ist auch mal geschrumpft. Ich habe auch mal an Gott, an seiner Liebe und seiner Nähe gezweifelt. Aber irgendwie hat mich dieser Jesus, seine Worte, seine Liebe nie mehr losgelassen.
Und das ist letztlich das Entscheidende. Gleichgültig ob du eine Berufungsgeschichte erzählen kannst oder es bei dir einige zeit gebraucht hat, bevor du an Gott, an Jesus glauben konntest, bevor du dich auf die Sache Jesu einlassen konntest. Es geht darum und kommt darauf an, dass du dich irgendwann einfach so auf den Weg mit Gott machst, dass diese Sache Jesu viel weiter bei dir kommt, in dein Herz kommt, dass sie zur Mitte deines Lebens wird, zu einer lebendigen Beziehung, dass Jesus eine wirkliche Bedeutung für dein Leben hat. Und das mag bei einigen ein ganz konkreter Moment gewesen sein. Bei mir brauchte das alles Zeit. Bis die Sache Jesu über meine Ohren und meinen Kopf, in meinen Bauch und in mein Herz kommen konnte.
In der Regel nimmt uns das Alltägliche, Familie, Arbeit, Gesundheit, Sorgen und Ängste usw. in Beschlag und oft auch gefangen. Das war damals nicht anders. Petrus und seine Gefährten waren Fischer, die in der letzten Nacht leider erfolglos waren. Und die bekommen von Jesus nun nach seiner Rede einen für sie zunächst unsinnigen Auftrag. Ich habe von Fischen keine Ahnung, aber gelesen, dass die einzige Chance für Fischer damals am See Genezareth darin bestand, nachts und nahe am Ufer zu fischen: da sind die Fische, eben nicht da, wo es tief ist. Und Simon zeigt ja auch leichte Skepsis, gehorcht dann aber. Ich weiß, das es normal keinen Erfolg hat, aber ich vertraue dir, Jesus, frag mich nicht, warum. Petrus spürt: bei Gott ist alles möglich und dieser Jesus ist etwas ganz Besonderes eine Erfahrung, die Menschen immer wieder mit Jesus machen: bei ihm geschehen Dinge, die eigentlich nicht möglich sind: Kranke werden geheilt, Blinde sehend, Süchtige frei, Habgierige verändern ihr Leben, Tote stehen auf, der Sturm legt sich. Jesus braucht für alle diese Dinge meist nur ein Wort, keine große Show. Keine Show: denn er will keine oberflächlichen Fans, sondern Menschen, die zu ihm umkehren und ihm ihr Herz und ihre Hand geben – so wie Petrus, der Jesu Wort nun tut, und dabei nicht schlecht fährt. Und dann – ein voller Erfolg, Netze bis zum Reißen gefüllt, Boote saufen fast ab, Bergung der Fische gelingt nur gerade eben. Da passiert etwas ungewöhnliches: Schrecken erfasst die Leute, nicht: Klasse Tip, Jesus, danke schön. Komm mal wieder längs. Oder: Man, ham wir ein Schwein gehabt, doch noch gut gegangen, toi, toi, toi. Nein: Schrecken, Furcht und Simon Petrus sagt, was die anderen denken: Geh weg, ich bin ein sündiger Mensch. In der Begegnung mit Jesus, mit dem Heiligen, erfasst ihn Furcht. Er spürt sofort: das ist keiner, dem ich etwas vormachen kann und muss, ich brauche hier nicht meine Standardmaske „Leistung und Erfolg“ aufsetzen. Dieser Jesus kennt mein Herz. Er weiß, wie es darin aussieht. Ich bin gefangen im Kreisen um mich selbst. Dieser Graben zwischen mir uns Jesus scheint unüberwindbar. Geh bloß weg, Jesus, mach dir nicht die Finger an mir schmutzig. „Fürchte dich nicht“, wie oft hören wir diese Worte in der Bibel. Vertraue mir, glaube! Und: Folge mir nach. Bleibe bei mir, halte dich an mir! Verlass das, was dich bindet und folge mir nach.
Und das Verrückte: es geschieht bis heute: bis heute ändern Menschen ihr Leben und folgen Jesus nach. Die einen nach einem ganz besonderen Erlebnis in ihrem Leben. Nach einer schwierigen und lebensgefährlichen Krankheit oder nach dem Durchstehen einer Lebenskrise z.B. Menschen begegnen Gott, begegnen Jesus, begegnen dem Wort Gottes, der Liebe Gottes. Und dann ändert sich ihr Leben. Bei manchen ganz radikal und von einem, Moment auf den anderen. Bei anderen ganz langsam, ganz allmählich und mehr und mehr. Menschen, die zu diesem Jesus gehören, die ihm nachfolgen wollen. Und sie machen sich mit ihm auf den Weg und ihr Leben verändert sich und wird spannend. Ein Leben mit Jesus ist nicht langweilig, ein Leben in einer Beziehung mit Gott ist das Erfüllendste, was es gibt. Lebendiges Leben, kein totes Leben. Orientierung, Hoffnung, Vertrauen, Trost, Kraft – bei Jesus gibt es das.
Aber klar, auch der Weg mit Jesus verläuft nicht immer geradlinig, ist nicht immer nur spannend und nett und einfach. Auch auf dem Weg, auf dem ich Jesus folge, gibt es Phasen und Erfahrungen, die unglaublich schmerzlich sind, die kaum auszuhalten und kaum zu ertragen sind. Erfahrungen, die mich an Grenzen führen, die mich an Gottes Nähe, Liebe und Existenz zweifeln lassen. Die mir alle meine Kraft nehmen, auch meine Glaubenskraft, so dass ich am liebsten alles hinwerfen und meinen Glauben über Bord werfen möchte. Ein Leben, in dem Gott mir Leiden, Enttäuschungen, Krisen, ja nicht einmal den Tod erspart. Und dennoch ein Lebensweg, der mit dem Tode nicht aufhört. Irgendwann hat er mal angefangen. Entweder da, als Jesus zu uns sagte: Folge mir nach. Oder indem er den Glauben in mir nach und nach hat wachsen lassen. Gleichgültig. Das Ergebnis: wir sind nicht mehr von ihm losgekommen. Unser Leben lang hat uns unser Glaube irgendwie begleitet. Mal stärker, mal schwächer. Wir sollten darüber viel mehr sprechen.
Nicht von oben herab. Nicht besserwisserisch. Nicht als ob wir bessere Menschen wären als die, die nicht an Gott glauben. Sondern einfach so, frei und mutig.
Denn wir Ehepaare, die so viele Jahre und Jahrzehnte zusammenleben und sich lieben, neuen Schwung für ihre Beziehung und Partnerschaft bekommen, wenn sie sich und anderen vom Beginn ihrer Liebe erzählen, so bekommen wir neuen Schwung, wenn wir uns gegenseitig davon erzählen, wie es bei uns mit dem Glauben begonnen hat, wie wir uns angefangen haben, für die Sache Jesu zu interessieren. „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Amen.

Predigt über Römer 12,17ff am 5. Juli 2020
Pastor Rainer Petrowski

Eigentlich geht es dem Apostel Paulus um nichts anderes, liebe Gemeinde. Eigentlich geht es auch dem Apostel Paulus um einen Klimawechsel. Eigentlich will er die Gemeinde in Rom nur daran erinnern, dass sie getauft sind. Und ihnen sagen, dass damit eine wesentliche Entscheidung in ihrem Leben gefallen ist. Wer sich taufen oder in unserer Volkskirche konfirmieren lässt, sagt Ja zu einem Klimawandel. Wer Ja zu Gott sagt, sagt Ja zu einem Leben im Sinne Gottes, im Sinne der Zehn Gebote, im Sinne der Nächstenliebe. Wer Ja zu Gott sagt, sagt automatisch Nein zu einem Klima der Kälte, des Hasses, der Menschenfeindlichkeit. Sagt Nein zu jeder Form von Nationalismus oder sogar Nationalsozialismus, sagt Nein zu Rassismus, sagt Nein zu jeder Form von Extremismus. Sagt Nein zu Krieg und Gewalt. Sagt Nein zu Rache und Vergeltung. Sagt Ja zu Vergebung und Neuanfang.
Es ist unsere Entscheidung, ob unsere Taufe Bedeutung hat für unser Leben, unsere Entscheidung, was im Leben wichtig ist – unsere ganz eigene Entscheidung, für die wir Verantwortung tragen. Und das ist manchmal extrem anstrengend.
„17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben. 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Keine Frage, es fällt uns schwer, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Still zu halten, wenn ich gekränkt werde, die andere Backe hinzuhalten, wo mich jemand schlägt. Es ist schwer auszusteigen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht nur in Israel oder in Afghanistan oder in Syrien oder oder oder. Im alltäglichen Umgang miteinander, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz in der Schule und in der Nachbarschaft gilt die Regel ‚Nichts gefallen lassen‘. Wir schaffen sehr gerne ein Klima der Vergeltung. Vor allem wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, wenn wir uns benachteiligt fühlen, wenn wir das Gefühl haben, zu kurz zu kommen und übersehen zu werden. Dann schaffen wir mit unserer Wut, unserem Neid, unserer Gier, unserer Enttäuschung und unserem Zorn ein Klima des Hasses, der Kälte, der Unmenschlichkeit. Ein Klima, das ein friedliches Miteinander unmöglich macht und zerstört. Im Kleinen wie im Großen.
Doch bevor ich Entscheidungen treffen kann, muss ich zugeben und mir eingestehen, dass ich Feinde habe, Menschen, die mir Böses wünschen und denen ich Böses wünsche. Hört sich so einfach an, ist es aber nicht. Aber erst dann kann ich lernen, damit umzugehen. Kann ich lernen auf das Ausleben dieser Gefühle zu verzichten, um Frieden zu leben. Vielleicht muss ich ein Leben lang dran arbeiten. Immer wieder neu trainieren es auszuhalten, wenn Andere mich kränken, mich beleidigen, mich übergehen und übersehen, nicht wahrnehmen.
Es gibt das Böse, keine Frage. Das Böse gehört zu unserer Welt, zu meinem Leben, zu mir. Tag für Tag leiden Menschen darunter. Tag für Tag fragen sich Menschen: Warum Gott das Böse zulässt? Tag für Tag müssen Menschen damit leben, keine Antwort darauf zu bekommen. Tag für Tag muss ich damit leben, dass ich es oft selbst bin, der anderen Böses tut. Tag für Tag muss ich lernen, mit dem Bösen umzugehen. Muss ich lernen, mich zu entscheiden, wie ich damit umgehen, wie ich darauf reagieren will. Ich muss lernen, das Böse ernst zu nehmen, auch als eine Macht in mir, als einen Teil von mir. Erst wenn ich zugebe, dass ich auch nicht immer so bin, wie ich mir das vorstelle, kann ich in die Offensive gehen, das Böse bei mir und Anderen bekämpfen. Das Böse sind dann nämlich nicht nur die Anderen.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Was heißt das konkret, wenn ich an all die denke, die Tag für Tag Mord und Tod, Hass und Gewalt in unsere Welt bringen? Spüre ich es oft nicht in mir selbst den Wunsch so stark und mächtig in mir, einmal so richtig mächtig und gewaltvoll auf dazwischen zu gehen.
Wilhelm Busch hat einmal gesagt: ‚Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, das man lässt.‘ (die fromme Helene). Vielleicht ein neuer Ansatz, dass ich hinschaue, wo ich sein lasse, was nicht in Ordnung ist, dass ich lerne mit Menschen gut umzugehen. Dass ich lerne, mich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern das Böse mit dem Guten zu überwinden. Dass ich lerne, zu meiner Entscheidung, mich taufen und konfirmieren zu lassen, zu stehen. Ja sagen zu einem Leben, in dem Nächstenliebe gewagt wird, in dem ich meinen Mund aufmache, wenn Menschen anderen mit Hass begegnen. Wenn andere das Klima vergiften wollen und Kälte und Hass und Gewalt in diese Welt bringen wollen. Ja, liebe Gemeinde, gerade auch jetzt mitten in der Corona-
Pandemie geht es darum, zu seiner Entscheidung zu stehen, Ja zu sagen zu einem Klima, in dem das Leben und die Liebe unser Miteinander bestimmen, indem Gottes Wort und Gottes Liebe unsere Welt und unser Miteinander bestimmen. Ja, es ist vielleicht gerade jetzt Zeit für einen Klimawandel. Nicht nur für einen Klimawandel, den die Jugendlichen von „Friday for future“ fordern, sondern für einen Klimawandel, von dem Paulus spricht: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Amen.

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