Aktuelle Predigt

März 15th, 2020

Liebe Leser*innen,
da es zurzeit nicht möglich ist, Gottesdienste in unserer Maria-Magdalenen-Kirche und in der Kapelle in Neufeld zu feiern, veröffentlichen wir als Trostpflaster die aktuelle Predigt:

 

Predigt über Lukas 24,50-53 am Himmelfahrtstag 2020
Pastor Rainer Petrowski
(erster öffentlicher Gottesdienst in der Corona-Pandemie im Hintzpark)

Ein reicher Mann kommt ans Sterben. „Legt mir mein Scheckbuch mit in den Sarg“, tut er als letzten Willen kund. So geschieht es. Im Himmel angekommen, findet er dort alles, was sein Herz begehrt. Ein Engel zeigt ihm all die Herrlichkeiten und fragt nach seinen Wünschen. Der reiche Mann tastet erfreut nach seinem Scheckbuch, zeigt auf einen Ring und fragt: „Was kostet dieser Ring?“ „Hier kostet alles einen Cent“, antwortet der Engel. „Was, sooo wenig?“ fragt der Mann verblüfft und überlegt, wie er einen Scheck über einen Cent ausstellen könne.

„Nein, so viel“, antwortet der Engel, „und deine Schecks helfen dir hier nichts. Es kostet nicht einen Cent von dem, was du auf deinem Bankkonto hast, sondern einen Cent von dem, was du in deinem Leben verschenkt hast!“ Der reiche Mann lächelt. „Dann bin ich fein raus“, denkt er. „Seit ich reich bin, habe ich so viel Geld gespendet. Man braucht ja nur meine Spendenquittungen nachzuprüfen. Und wie viel Geld habe ich für meine Frau und meine Kinder ausgegeben. Die hatten doch alles, was sie brauchten und was man sich nur wünschen kann.“ Aber der Mann war nicht dumm. Irgendetwas vorhin hatte in der Stimme des Engels so geklungen, als sei das alles mit dem schenken nicht gemeint gewesen. Er merkte das. Und er gab es ehrlich zu, dass sich eigentlich niemand so richtig über seine Geschenke gefreut hatte. Vielleicht hatte er nie das geschenkt, was sie wirklich brauchten und sich wirklich gewünscht haben. „Ich habe immer nur Schecks ausgefüllt und Sachen liefern lassen, aber ich habe nie Zeit gehabt für sie und mich, weil ich immer gearbeitet habe. Ich habe mir und anderen nichts geschenkt. Was habe ich eigentlich vom Leben gehabt? Wann habe ich mich einmal richtig gefreut? Nie war ich richtig glücklich und zufrieden.“ Wirklich nie? Seine Gedanken gingen weit zurück. „Doch“, dachte er. Als er noch ein mittelloser Student war, hatte er seine spätere Frau kennen gelernt. Und einmal hat er sich buchstäblich das Geld vom Mund angespart, um ihr einen schmalen, silbernen Ring mit einer kleinen Koralle darauf zu kaufen. Als sie damals das Päckchen auspackte, hatte sie ihn mit so strahlenden Augen angesehen wie später nie mehr. Damals waren sie beide so glücklich wie später nie mehr. Ja, damals. Sein Herz wurde auf einmal ganz warm bei dieser Erinnerung. Und als er aufsah, stand der Engel vor ihm, streckte die Hand aus und sagte: „Hier ist der Ring, den du vorhin kaufen wolltest. Ich schenk ihn dir.“ Und als der reiche Mann den Ring nahm, sah er, dass es gerade der silberne Ring mit der kleinen Koralle war, den er damals seiner späteren Frau geschenkt hatte. Da dachte er bei sich, dass das wohl der schönste Ring war, den er je gesehen hatte. Und er konnte nicht anders, er musste einfach weinen vor lauter Glück. Da war er im Himmel angekommen. (nach: Ingrid Adam, Der reiche Mann im Himmel)

Damit, liebe Gemeinde, wird vieles deutlich vom heutigen Tag, den wir Himmelfahrt nennen. Vor allem, dass es ein Tag der Missverständnisse ist. Ein Tag, den wir leicht missverstehen können. Denn wir neigen dazu Himmel und Erde zu trennen. Himmel ist Himmel. Erde ist Erde. Oben ist oben und unten ist unten. Und folgern daraus: Gott da oben, wir hier unten. Selbst in einem unserer wichtigsten Gebete beten wir „wie im Himmel so auf Erden“. Und zu dieser Einteilung und klaren Ordnung scheint der Himmelfahrtstag ganz gut zu passen. Jesus verlässt die Erde und kehrt zurück in den Himmel. Es ist eben so: Oben ist oben und unten ist unten. Oben Gott und unten wir. Doch irgendwie haben wir mit dem, was da im Evangelium für den heutigen Himmelfahrtstag erzählt wird, Schwierigkeiten und will das so gar nicht in unseren Kopf. Nachdem Jesus sich am Gründonnerstag von seinen Jüngern verabschiedet hat, verabschiedet er sich Himmelfahrt ein zweites Mal von ihnen. Dieses Mal endgültig. Und während seine Freunde am Karfreitag schier zu verzweifeln scheinen, scheint ihnen das am Himmelfahrtstag nichts auszumachen. Die Jünger unten. Jesus oben. Vielleicht fällt ihnen dieser Abschied nicht so schwer, weil Jesus ihnen einen Tröster verspricht, den Heiligen Geist, der sie in Zukunft begleiten wird. Anders als Jesus bisher. Nicht so nahe, greifbar und spürbar wie Jesus, aber doch da. Wir Menschen können es scheinbar nicht so recht glauben und wahr haben, dass Gott wirklich ein menschenfreundlicher Gott ist, ein Gott, der uns nahe kommen will, der uns begleitet,  der unsere Wege mit uns geht. Wir Menschen können oder wollen vielleicht nicht einsehen und glauben, dass Gott selbst dieses Oben-und-unten-Denken längst überwunden hat.

Schon im Alten Testament erfahren wir, dass Gott sich nicht zu schade war, seinen Himmel zu verlassen und sich auf den Weg zu den Menschen zu machen. Der Gott der Bibel ist von Anfang an ein naher, mitgehender und uns Menschen begleitender Gott. Das beginnt damit, dass er unsere Welt und die Lebensgrundlagen schafft. Das AT wird nicht müde von Begegnungen zu berichten, die Menschen mit Gott haben. Mit Abraham und mit Mose, aber auch mit manchen Frauen, deren Namen uns nicht so vertraut sind. Wir hören davon wie er sein Volk 40 Jahre lang durch die Wüste begleitet und sie ins Gelobte Land führt, am Tag als Wolkensäule, in der Nacht als Feuersäule.

In Jesus Christus hat das Kommen Gottes in unsere Welt dann noch eine ganz andere Qualität. Denn damit hat Gott unser Oben-Unten-Denken endgültig und ein für allemal völlig umgekrempelt. Gott wird Mensch. Das, was eigentlich unmöglich ist, geschieht. Das, was nicht sein darf, geschieht. Gott lässt nicht zu, dass wir ihn im Himmel einsperren und ihn damit gleichzeitig aus der Welt aussperren. Denn das ist doch so schön einfach: Gott im Himmel und wir auf Erden. Gott hat im Himmel zu sagen und wir auf Erden. Das steckt doch eigentlich hinter diesem Denken. Gott herauszudrängen aus seiner Welt und seiner Schöpfung. Der Mensch will selbst Herr sein, sich nicht reinreden und sich nichts vorschreiben lassen. Klar abgesteckte Bereiche. Himmel und Erde. Oben und Unten. Und scheinbar scheint Himmel-fahrt gut zum heutigen Himmelfahrtstag zu passen. Und doch scheinen wir irgendwie mit diesem Tag und dieser Vorstellung große Schwierigkeiten zu haben. Irgendwie stört dabei etwas. Irgendetwas scheint da nicht zu stimmen. Gott lässt sich eben nicht im Himmel oder da Oben einsperren. Gott lässt sich nicht aus unserer Welt aussperren, die seine Welt ist. Gott hat sich nicht zu uns auf den Weg gemacht, um von uns ausgesperrt zu werden und wieder in den Himmel zurückgeschickt zu werden. Sicher, Himmel und Erde sind nicht identisch, nicht ein- und dasselbe, aber eben auch nicht zwei strikt voneinander getrennte Bereiche. Gott selbst hat dafür gesorgt, dass es fließende Übergänge gibt. Der Himmel, Gottes Welt, ragt in unsere Welt hinein. Gott lässt sich nicht rausdrängen. Gott hält sich nicht raus aus der Welt, weil er seine Schöpfung und seine Geschöpfe liebt. Weil Gott will, dass Menschen mit ihrem Leben zu Recht kommen. Weil das Ziel unseres Lebens nicht der Tod ist. Weil Gott will, dass wir leben und das Leben in Fülle haben – wie es einmal im AT heißt. Die Erzählung vom reichen Mann im Himmel macht deutlich, dass beide Welten zusammengehören. Himmel und Erde gehören zusammen. Und in beiden ist Gott der Herr. In beiden geht es darum, dass Gottes Wille geschehe. Gott will nicht, dass uns erst im Himmel warm ums Herz wird, also erst dann, wenn unser Leben in dieser Welt zu Ende gegangen ist. Gott will, dass wir bereits in dieser Welt etwas von seiner Welt spüren, von dem Leben, dass er für uns will. Himmelfahrt heißt: Gott macht sich nicht aus dem Staub. Gott verlässt unsere Welt nicht. Weil Gott unsere Welt, seine Welt, niemals verlassen hat und niemals verlassen wird. Und das gilt gerade auch heute. Das gilt für diese so fremde, neue und schwierige Zeit. Amen.

Predigt am Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020
von Pastor Rainer Petrowski
Woran hängt dein Herz?

Es ist ziemlich alt, unser Glaubensbekenntnis. Viele lieben es, weil es so vertraut ist, weil es uns durch unser ganzes Leben lang begleitet und getragen hat. Als ich Konfirmand war hat es mich eher genervt. Immer und immer wieder hat unser Pastor damals mit uns das Glaubensbekenntnis durchgesprochen. Und dann durften wir es sogar noch auswendig lernen, damit wir es in unserer Konfirmandenprüfung aufsagen konnten. Aber mit den Jahren und Jahrzehnten habe ich es schätzen gelernt. Nicht lieben, nein das nicht. Denn ich gebe zu, dass ich nicht an alles glaube, was im Glaubensbekenntnis steht. Ich glaube nicht, dass Jesus auf dem Wege einer unbefleckten Empfängnis gezeugt wurde. Ich glaube nicht daran, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Mich überzeugt es viel mehr, wenn Gott sich für den ganz normalen Weg entschieden hat, Mensch in unserer Welt zu werden. Vater Josef, Mutter Maria. Jesus einer von uns und doch so ganz anders. Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott. Aber natürlich respektiere und akzeptiere ich es, wenn andere an diesem Glauben festhalten wollen und meine Meinung nicht teilen können.
Dennoch schätze ich unser Glaubensbekenntnis, das so mühsam erarbeitet worden ist. Deshalb spreche ich es. Deshalb bespreche ich es mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden und deshalb müssen auch sie es heute auswendig lernen, so wie ich vor über 45 Jahren. Und auch wenn ich weiß, dass es sie nervt, wie es mich damals genervt hat.
Aber genauso wichtig ist es mir, dass sich unsere Jugendlichen Gedanken über ihren eigenen Glauben machen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass sie versuchen, ihren Glauben zu bekennen, zu sagen, woran sie glauben, was für sie wichtig ist, was ihnen Halt gibt, was ihnen festen Boden gibt und was sie trägt. Nein, sie müssen kein eigenes Glaubensbekenntnis bei mir entwerfen und aufschreiben, aber sagen, was ihnen wichtig ist. Und ich bin immer wieder total überrascht wie viele Jugendliche im Alter von 14 Jahren glaubwürdig, offen und ehrlich sagen, dass für sie der Glaube an den Gott, der diese Welt geschaffen hat und der in Jesus mitten unter uns gelebt hat, wichtig ist. Dass sie an Gott glauben und dass ihr Glaube ein ganz wichtiger Grund dafür ist, dass sie zum Konfirmandenunterricht gegangen sind und sich konfirmieren lassen wollen. Aber ich bin ebenfalls total dankbar dafür, dass sich 14Jährige es sich trauen, mir zu sagen, dass sie nicht an Gott glauben können und sich eigentlich nur konfirmieren lassen, weil sie sich auf ein Familienfest und natürlich auch auf die Geschenke freuen. Wenn sich ein Jugendlicher über 20 Monate alle 14 Tage auf den Weg zum Konfirmandenunterricht macht, regelmäßig Gottesdienste besucht, alte Texte auswendig lernt und sich mit unserer Kirche und mit Gott beschäftigt, dann ist das völlig okay für mich.
Wichtig ist für mich, dass Jugendliche nicht einfach das nachplappern, was ihr Pastor oder Erwachsene ihnen sagen, sondern dass sie sich auf ihren Weg machen, auf einen Weg, der es ihnen ermöglicht herauszubekommen, was ihnen wichtig ist, woran ihr Herz hängt, wofür sie sich einsetzen wollen und was sie durchs Leben trägt. Und ich hoffe, dass dabei die Liebe zu sich selbst und die Liebe zum anderen, die Nächstenliebe nicht zu kurz kommt. Ich hoffe, dass sie sich für das Leben einsetzen. Für ihr eigenes und das der anderen. “. Und ganz heimlich hoffe ich, dass irgendwann auch die Liebe zu Gott, der Glaube an Gott dazu kommt. Eben: Liebe Gott, liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst.
Aber nun zu ihnen, liebe Zuschauer*innen. Woran glauben Sie? An wen glauben Sie? Woran hängt ihr Herz? Was trägt sie durchs Leben? Wie wichtig war für sie das Glaubensbekenntnis oder wie wichtig ist es heute noch? Woran glauben Sie? Wenn Sie mögen, schreiben Sie ihre Gedanken doch einfach einmal auf. Und wenn Sie mögen, schicken Sie mir das doch einfach einmal. Vielleicht in einem Brief an unser Kirchenbüro. Die Post kommt garantiert bei mir an. Ich würde mich freuen.
Ich lese gerne Glaubensbekenntnisse von anderen. Sie faszinieren mich. Und sehr oft bin ich sehr überrascht über das, was ich da höre und lese. Haben Sie gewusst, dass sogar Peter Maffay ein ganz persönliches Glaubensbekenntnis hat? Es ist ein Lied und heißt „Größer als wir“.
Nur weil ich dich nicht seh‘
Heißt es nicht, dass du nicht da bist
Vielleicht bist du ein helles Licht
Oder die Ruhe in jeder Nacht
Bist du nur eine Idee
Oder die Lüge, die wahr ist?
Bist du das höchste Gericht
Oder der Funke, der mich entfacht?
Egal, wie man dich nennt
Egal, woran man dich erkennt
Egal, wer du auch bist
Wichtig ist nur, dass es dich für mich gibt
Egal, wie man dich nennt
Egal, woran man dich erkennt
Du bist größer als die Zeit
Größer als alles hier
Größer als wir
Und ziehen noch mal dunkle Wolken auf
Verlier‘ ich nicht meinen Glauben
Du hilfst bestimmt gerade Anderen
Reichst deine Hand und die Angst öffnet Augen
Wer bist du?
Sag, wer bist, bist du?
Ich weiß nicht, wer du bist
Doch wichtig ist nur
Dass es dich für mich gibt
Egal, wie man dich nennt
Ganz egal, woran man dich erkennt
Du bist größer als die Zeit
Größer als alles hier
Größer als wir
Du bist größer als die Zeit
Größer als alles hier
Größer als wir
Vielleicht haben Sie ja einmal die Gelegenheit, sich dieses Lied anzuhören: Größer als wir. Es ist nicht mein Glaubensbekenntnis, aber es tut mir so unendlich gut, diese Worte von einem anderen zu hören.
Woran glaube ich? Woran hängt mein Herz, liebe Gemeinde? Was trägt mich durchs Leben? Es hat sehr lange in meinem Leben gedauert, bevor ich diese Fragen beantworten konnte. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich immer noch auf einem Weg bin und ich diese Fragen immer noch nicht endgültig beantworten kann. Aber eines weiß ich ganz genau. Ich glaube an einen Gott der Liebe und des
Lebens. An einen menschenfreundlichen, Menschen zugewandten und verständnisvollen Gott. Ich glaube an einen Gott, der uns versteht, der uns sieht und hört, an einen Gott, der uns auf allen Wegen begleitet und der für uns sorgt wie ein Hirte für sein Schafe sorgt. Ich glaube an den Gott, der seine Söhne und Töchter liebt, gleichgültig ob sie bei ihm bleiben und mit ihm leben oder ihn verlassen und vergessen. Ich glaube an einen Gott, der ein großes Herz hat, ein viel größeres Herz als wir uns das vorstellen können. Dass alles finde ich in unserem Glaubensbekenntnis und deshalb schätze ich es auch so. Aber das alles finde ich auch in modernen Glaubensbekenntnissen, deshalb schätze ich auch die. Es sind vor allem gesungene Bekenntnisse. Eines habe ich besonders lieben gelernt, von unseren Geschwistern in El Salvador. Es heißt: Yo tengo fe, auf Deutsch “Ich habe Vertrauen“ oder „Ich glaube fest“.
Ich glaube fest, daß alles anders wird, daß uns die Liebe immer weiter führt. Ich glaube fest an eine neue Sicht, wenn bald im klaren Licht ein hoffnungsvoller Tag anbricht.
Ich glaube fest, dass Gott die Liebe ist und dass er an der Liebe alles mißt. Ich glaube fest, das Ziel ist nicht mehr weit, ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.
Ich glaube fest an Gott und seine Macht, daß er sein Volk behütet und bewacht. Ich glaube fest, Gott macht die Menschen frei von Schmerzen und Geschrei, und alle Angst ist dann vorbei. Amen.

 

 

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