Aktuelle Predigt

März 15th, 2020

Predigt über Römer 12,17-21 am 5. Juli 2020
Pastor Rainer Petrowski

Eigentlich geht es dem Apostel Paulus um nichts anderes, liebe Gemeinde. Eigentlich geht es auch dem Apostel Paulus um einen Klimawechsel. Eigentlich will er die Gemeinde in Rom nur daran erinnern, dass sie getauft sind. Und ihnen sagen, dass damit eine wesentliche Entscheidung in ihrem Leben gefallen ist. Wer sich taufen oder in unserer Volkskirche konfirmieren lässt, sagt Ja zu einem Klimawandel. Wer Ja zu Gott sagt, sagt Ja zu einem Leben im Sinne Gottes, im Sinne der Zehn Gebote, im Sinne der Nächstenliebe. Wer Ja zu Gott sagt, sagt automatisch Nein zu einem Klima der Kälte, des Hasses, der Menschenfeindlichkeit. Sagt Nein zu jeder Form von Nationalismus oder sogar Nationalsozialismus, sagt Nein zu Rassismus, sagt Nein zu jeder Form von Extremismus. Sagt Nein zu Krieg und Gewalt. Sagt Nein zu Rache und Vergeltung. Sagt Ja zu Vergebung und Neuanfang.
Es ist unsere Entscheidung, ob unsere Taufe Bedeutung hat für unser Leben, unsere Entscheidung, was im Leben wichtig ist – unsere ganz eigene Entscheidung, für die wir Verantwortung tragen. Und das ist manchmal extrem anstrengend.
„17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben. 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Keine Frage, es fällt uns schwer, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Still zu halten, wenn ich gekränkt werde, die andere Backe hinzuhalten, wo mich jemand schlägt. Es ist schwer auszusteigen aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht nur in Israel oder in Afghanistan oder in Syrien oder oder oder. Im alltäglichen Umgang miteinander, im Straßenverkehr, am Arbeitsplatz in der Schule und in der Nachbarschaft gilt die Regel ‚Nichts gefallen lassen‘. Wir schaffen sehr gerne ein Klima der Vergeltung. Vor allem wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, wenn wir uns benachteiligt fühlen, wenn wir das Gefühl haben, zu kurz zu kommen und übersehen zu werden. Dann schaffen wir mit unserer Wut, unserem Neid, unserer Gier, unserer Enttäuschung und unserem Zorn ein Klima des Hasses, der Kälte, der Unmenschlichkeit. Ein Klima, das ein friedliches Miteinander unmöglich macht und zerstört. Im Kleinen wie im Großen.
Doch bevor ich Entscheidungen treffen kann, muss ich zugeben und mir eingestehen, dass ich Feinde habe, Menschen, die mir Böses wünschen und denen ich Böses wünsche. Hört sich so einfach an, ist es aber nicht. Aber erst dann kann ich lernen, damit umzugehen. Kann ich lernen auf das Ausleben dieser Gefühle zu verzichten, um Frieden zu leben. Vielleicht muss ich ein Leben lang dran arbeiten. Immer wieder neu trainieren es auszuhalten, wenn Andere mich kränken, mich beleidigen, mich übergehen und übersehen, nicht wahrnehmen.
Es gibt das Böse, keine Frage. Das Böse gehört zu unserer Welt, zu meinem Leben, zu mir. Tag für Tag leiden Menschen darunter. Tag für Tag fragen sich Menschen: Warum Gott das Böse zulässt? Tag für Tag müssen Menschen damit leben, keine Antwort darauf zu bekommen. Tag für Tag muss ich damit leben, dass ich es oft selbst bin, der anderen Böses tut. Tag für Tag muss ich lernen, mit dem Bösen umzugehen. Muss ich lernen, mich zu entscheiden, wie ich damit umgehen, wie ich darauf reagieren will. Ich muss lernen, das Böse ernst zu nehmen, auch als eine Macht in mir, als einen Teil von mir. Erst wenn ich zugebe, dass ich auch nicht immer so bin, wie ich mir das vorstelle, kann ich in die Offensive gehen, das Böse bei mir und Anderen bekämpfen. Das Böse sind dann nämlich nicht nur die Anderen.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Was heißt das konkret, wenn ich an all die denke, die Tag für Tag Mord und Tod, Hass und Gewalt in unsere Welt bringen? Spüre ich es oft nicht in mir selbst den Wunsch so stark und mächtig in mir, einmal so richtig mächtig und gewaltvoll auf dazwischen zu gehen.
Wilhelm Busch hat einmal gesagt: ‚Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, das man lässt.‘ (die fromme Helene). Vielleicht ein neuer Ansatz, dass ich hinschaue, wo ich sein lasse, was nicht in Ordnung ist, dass ich lerne mit Menschen gut umzugehen. Dass ich lerne, mich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, sondern das Böse mit dem Guten zu überwinden. Dass ich lerne, zu meiner Entscheidung, mich taufen und konfirmieren zu lassen, zu stehen. Ja sagen zu einem Leben, in dem Nächstenliebe gewagt wird, in dem ich meinen Mund aufmache, wenn Menschen anderen mit Hass begegnen. Wenn andere das Klima vergiften wollen und Kälte und Hass und Gewalt in diese Welt bringen wollen. Ja, liebe Gemeinde, gerade auch jetzt mitten in der Corona-
Pandemie geht es darum, zu seiner Entscheidung zu stehen, Ja zu sagen zu einem Klima, in dem das Leben und die Liebe unser Miteinander bestimmen, indem Gottes Wort und Gottes Liebe unsere Welt und unser Miteinander bestimmen. Ja, es ist vielleicht gerade jetzt Zeit für einen Klimawandel. Nicht nur für einen Klimawandel, den die Jugendlichen von „Friday for future“ fordern, sondern für einen Klimawandel, von dem Paulus spricht: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Amen.

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