Aktuelle Predigt

März 15th, 2020

Predigt am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr am 15.11.2020 über Micha 4,1-4 von Pastor Rainer Petrowski

Letzte Woche. Dienstabend der Feuerwehr. Wieder bittet der Wehrführer darum, dass einige Kameraden am Sonntag erscheinen mögen als Abordnung der Wehr. Es ist wieder einmal soweit. Der ungeliebte Volkstrauertag. Alle Jahre wieder am Ende des Kirchenjahres. Am Ende des kalten und ebenfalls unbeliebten Novembers. Der Wehrführer spricht nicht nur die Älteren an, sondern gerade auch die Jüngeren. Ich stelle mir vor wie einem jüngeren Kameraden das so geht. Mit dem Volkstrauertag. Vielleicht sagt er sich, dieses Jahr geh ich da mal mit, und wenn es nur ist, um den Wehrführer und die Truppe zu unterstützen. Treffen vor der Kirche, um 10 Uhr Gottesdienst, danach geht es zu den Mahnmälern mit Kranzniederlegung. Nun sitzt er hier in der Bank, zwischen den Anderen, da noch welche vom Sozialverband, vom DRK, von anderen Vereinen und Verbänden der Liedertafel, da Vertreter der Stadt Marne mit ihrem Bürgermeister, der Amtsvorsteher und Vertreter des Amtes Marne-Nordsee und da sogar zwei Jugendliche von Tierra Sagrada.

Die Orgel spielt. Und er hängt seinen Gedanken nach. Um 10 Uhr in der Marner Maria-Magdalenen-Kirche, das ist lange her, dass er das mal gemacht hat. Und der Anlass: Volkstrauertag. Irgendwie geht es um Krieg und um das Gedenken und Ehren der vielen Opfer, der Soldaten, Flüchtlinge, Zivilisten, Gefangenen usw. Ja, darum geht es, das ist ihm klar. Was hab ich damit zu tun, fragt er sich. Ich bin Jahrgang 1998, schon Vater und Opa waren nicht mehr im Krieg. Als der aus war, war Opa noch ein Kleinkind. Aber Uropa. Und Uroma. Geflohen hierher. Uropa hat die Gefangenschaft in Russland überlebt, hat nie gern davon erzählt, so als ob das zu viel war, was er da erlebt hat. Er hat immer nur gesagt: „Jung, lass man, das war alles großer Mist, und meine Jugend war nicht schön. Genieß man, dass Du das besser hast und Frieden ist.“ Und Uroma redete gerne mal über Ostpreußen, aber wenig über die Flucht. Frag nicht, Junge. Und nun ist das alles schon 75 Jahre vorbei, ein Menschenleben fast. Und immer noch feiern sie diesen Tag, Volkstrauertag. Jahrgang 1988. Er ist gerade 22 geworden, warum gehen wir da als Feuerwehr eigentlich hin? Die Orgel hört auf. Der Pastor liest was vor, dazu stehen alle auf. Er steht auch auf.

„In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herrn gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.“

Irgendwie bohrt sich ein Satz in ihm fest: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Ihm fallen Bilder ein, die er gesehen hat. Bilder vom Krieg. Bilder aus Afghanistan, Libyen, Syrien, Bergkarabach. Bilder vom 11. September 2001, die auch nach neunzehn Jahren immer wieder gezeigt werden.
Entführte Flugzeuge, die in Hochhäuser rasen. Bilder aus dem Irak, wo Soldaten nackte Gefangene an Hundeleinen fest halten. Bilder von irgendwelchen heiligen Kriegern, die ins Internet zu heroischer Musik Filmchen stellen, in denen sie ihre Gefangenen köpfen. Terroranschläge in Frankreich, in Österreich und in Deutschland. Bilder, Bilder, Bilder.

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Und dann unterbricht ihn die Stimme des Pastors: „Sünde, liebe Gemeinde, Sünde ist kein moralischer Begriff, auch kein sexueller Begriff, sondern Sünde kann man in unserer modernen Welt am Besten als „Gefühlskälte“ begreifen. Als Unfähigkeit, zu lieben, mitzufühlen, Mitleid zu empfinden. Das ist Sünde, den Gekreuzigten, den am Boden liegenden noch anzuspucken und drauf zu treten.“ Das sitzt, das fühlt er. Gefühlskälte ist Sünde. Krieg tötet
zuerst all unser Gefühl, tötet zuerst die Seele, macht stumpf und roh. Und lässt nur noch kalten Hass zu. Er ahnt jetzt, warum Uropa stumm war, wenn es um den Krieg ging. Was mag der alte Mann damals erlebt haben, gesehen haben, vielleicht auch getan haben, dass er immer sagte: „Jung, lass man, das war alles großer Mist, und meine Jugend war nicht schön. Genieß man, dass Du das besser hast und Frieden ist.“

Was mag Uroma erlebt haben auf der Flucht, dass sie stumm drüber bleibt. Es gibt Gefühle, die kann man nur einfrieren, sonst zerreißt es einem das Herz. Sünde, wenn Sünde Gefühls-kälte ist, gehören Sünde und Krieg zusammen. So denkt er es sich, das leuchtet ihm ein. Und nun, nun fällt ihm ein: sein jüngster Bruder, noch 17 Jahre alt. Was, wenn der zur Bundeswehr will, Soldat werden will, nach Afghanistan gehen soll? Was dann? Soll er sagen: Nein. Nicht. Soll er Pazifist werden, so heißen die doch, die gegen alle Gewalt sind. Und dem Jungen ins Gewissen reden.

Und dann fallen ihm wieder Bilder ein. Bilder von Gewalt, Unterdrückung, Hass, Unmenschlichkeit. Die soziale Schere geht immer weiter auseinander. Immer weniger Reiche, immer mehr Arme. Er hört die Experten. „Wir haben kein Finanzproblem. Wir haben ein Verteilungsproblem.“ Er spürt, dass daran nichts geändert wird. Gleichgültig ob in Ägypten, Libyen, Afghanistan, Irak, Europa oder in den Vereinigten Staaten von Amerika. An die Reichen traut sich die Politik nicht ran. Zu viel Einfluss. Zu viel Macht. Er spürt wie Zorn und Wut in ihm hochkommen und größer und stärker werden. Vor allem aber spürt er seine Ohnmacht, seine Hilflosigkeit.
Er sieht die vielen Jugendlichen von „Fridays for future“, hört ihren Protest. Und spürt, dass sich auch da nichts ändert oder zu wenig. Ganz im Gegenteil klingen die Stimmen in seinem Ohr, die vom Klimawandel und dem menschlichen Anteil daran nichts wissen wollen und am besten so weiterleben wie bisher.
Er spürt die Spannungen, die überall entstehen. Nicht nur in de USA. Auch hier bei uns. Da sind die einen, die dich dafür aussprechen, mehr Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen zu errichten, für die erneuerbaren Energien zu tun, und auf der anderen Seite die, die meinen, hier bei uns ist doch wirklich schon genug gemacht worden. Genug Windkraftanlagen. Keine Photovoltaikanlagen auf die Felder. Der Friede in den Dörfern und Gemeinden ist gefährdet. Ganz besonders spürt er es aber beim Thema „Corona“. Auf der einen Seite die, die meinen, dass dieser Virus ungefährlich ist und Politik und Mainstream Panikmache macht und die Wirtschaft in unserem Land zerstört. Auf der anderen diejenigen, die eher vorsichtig sind und die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen begrüßen. Spannungen, die mittlerweile zu Hass und Gewalt führen. In Berlin, in Leipzig, in Stuttgart. Extreme Gruppierungen versuchen das für ihre Zwecke auszunutzen, aus der linken Szene, vor allem aber aus der rechten Szene. „Wir sind das Volk“, schreien sie und verunglimpfen damit das, was Ende der 1988er Jahre in der ehemaligen DDR Menschen auf die Straßen gebracht hat.

Muss der Pazifist nicht auch gefühlskalt werden, über das alles hinweg sehen, mit seinem Credo: Nie mit Gewalt. Muss es nicht auch erlaubt sein, Zorn und Wut über Unrecht zu fühlen? Ist das nicht die andere Seite der Liebe und des Mitleids? Also doch…manchmal doch mit Soldaten? Mit einer Waffe? Aber was dann. Sauberen Krieg, gerechten Krieg, Krieg ohne Sünde, ohne Gefühlskälte, gibt’s den? Und gibt es auch einen gefühlskalten Frieden, sozusagen einen „Lass mich in Frieden, Dein Elend geht mich nichts an … Frieden.“

Er ist ganz durcheinander. Ausweg. Lösung. Pastor, weißt Du nichts? Hast du darauf eine Antwort? Oder ist das die Lösung. Der da am Kreuz. Der Jesus mit den ausgebreiteten Armen ans Holz genagelt. Gott nicht in der Höhe, sondern in der Tiefe? Kein Leben ohne Bürde und Kreuz. Und keine Bürde und kein Kreuz ohne die Stimme aus der Tiefe, die zu Uropa sagte: „Auch wenn Du stumm bist über das alles, ich weiß Bescheid, ich will, das Du weiterlebst. Die Liebe hört nicht auf.“

Dann hört er den Pastor sagenl:„Trauer lässt sich nicht staatlich verordnen, sie ist ein sehr persönliches Gefühl. Mitfühlen, gemeinsames Erinnern und Gedenken aber bringen zum Ausdruck, dass die unmittelbar Betroffenen nicht allein sind, dass wir uns als Gemeinschaft empfinden, die sich zur Friedfertigkeit bekennt. Der Volkstrauertag darf sich nicht in der Rückschau und in der Tradition erschöpfen. Er ist ein sehr aktueller Gedenktag, den wir brauchen. Er schützt vor dem Vergessen und Verdrängen. Er mahnt uns, aus den Schreckensbildern der Vergangenheit die richtigen Schlüsse zu ziehen. Gegen Krieg und Gewalt – für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit – das ist seine Losung.

„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Am Volkstrauertag bekennen wir uns zum Wert des Lebens. Volkstrauertag. Gedenktag. Nachdenktag. Jahrgang 1998. Was geht es mich an? Ich hab nachgedacht und wurde ganz nachdenklich. Gut, das der Wehrführer uns hierher haben wollte. Amen.

Predigt anlässlich des „Abschlussgottesdienstes“ in der Prädikant*innenausbildung über 1.Thessalonichef 5,1-6 von Prädikantin in Ausbildung Svenja Enge

Liebe Gemeinde,
es ist November. Morgens auf dem Weg zur Arbeit ist es noch dunkel und zurück ist es schon wieder dunkel. An den wenigen Stunden dazwischen versteckt sich die Sonne meistens hinter dunklen Wolken. Oder es ist neblig. Ich vermute, ich bin wohl nicht die Einzige hier, die sich bei so viel Dunkelheit unwohl fühlt. Die sich nach wohltuendem Licht sehnt. Manchmal ist es sogar so, dass ich mich in der Dunkelheit ein bisschen fürchte. Tatsächlich auch ein bisschen Angst habe. Ich erinnere mich da an eine Kirchengemeinderatssitzung irgendwann im letzten Winter. Vorm Gemeindehaus bekam ich keinen Parkplatz mehr und so musste meinen Wagen hinten am Friedhof abstellen. Hin bin ich noch an der Straße entlanggelaufen. Zurück war es so spät geworden, dass ich nur noch ganz schnell nachhause wollte. Und da habe ich mich für die Abkürzung über den Friedhof entschieden. Tagsüber bin ich ganz gern mal dort. Ich mag die Ruhe und den Anblick der liebevoll bepflanzten Gräber. Auch treffe ich dort fast jedes Mal jemanden zum Schnacken.

Aber an diesem Abend traf ich dort niemanden mehr. Ich hätte auch keinen mehr erkennen können, denn es war so stockfinster, dass ich die Hand vor Augen nicht sehen konnte. Ich fühlte mich dermaßen unwohl, dass ich am liebsten zum Auto gerannt wäre. Allein die Angst vorm Stolpern in der Dunkelheit hielt mich vom Rennen ab. So bin ich mit gezwungener Langsamkeit den Weg entlanggegangen und habe dabei, um mich selber zu beruhigen, laut zu Gott gesprochen. „Lieber Gott, lass mich bitte bloß schnell aus diesem Dunkel hier rauskommen!“ Und nach endlos erscheinenden Minuten sah ich hinter der Baumreihe links das erlösende Licht einer Straßenlaterne. Endlich! Das Licht gab mir meine Orientierung und zugegebenermaßen auch meinen Mut zurück. Mann, war ich erleichtert, als ich endlich im Auto saß! Endlich raus aus der Dunkelheit rein ins Licht. Gott sei Dank!

Ich zitiere nochmal aus dem ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher: „Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.“
Aber was bedeutet es eigentlich, ein Kind des Lichts zu sein? Ist das im 21. Jahrhundert überhaupt noch von Bedeutung? Schließlich können wir überall Licht anschalten und für den Weg über den dunklen Friedhof hätte ich damals ja auch das Licht an meinem Handy anmachen können. Um welches Licht geht es da eigentlich, in das Gott uns stellt? Was ist das für ein Licht, dass Gott uns zuspricht? Dazu liest uns Manuele Pahrmann eine Geschichte vor:

„Noch konnte er umdrehen. Den Wagen wenden und wieder wegfahren. Als sei nie etwas gewesen. Als hätte er nie vor dem Haus seiner Eltern gestanden. Das alte, rote Backsteingebäude mit der Ligusterhecke davor. Aber irgendwas in ihm ließ ihn zur Haustür gehen. Sein Blick fiel auf das verwitterte Holz der Tür. Der Lack war fast schon komplett abgeblättert. Damals war es seinen Eltern immer wichtig gewesen, dass die Haustür jedes Jahr frisch lackiert wurde. Damals. Ob sein Vater in den letzten siebzehn Jahren die Tür lackiert hat, weiß er nicht. Von dem Streit vor siebzehn Jahren weiß er allerdings noch sehr genau. Ein Wort hatte das andere ergeben. Wutentbrannt hatte er seine Eltern angeschrien und schließlich die Tür mit einem Knall zugezogen. Die Tür, vor der er jetzt stand. Siebzehn lange Jahre später. Den Schlüssel dafür hatte ihm der Bestatter in die Hand gedrückt. Seine Eltern waren gestorben. Erst der Vater und wenige Monate später die Mutter. Beide hatten ihn um eine Versöhnung gebeten – aber er konnte nicht. Schaffe Klarheit, bringe endlich Licht in das Dunkel – so schrie es in ihm. Aber er konnte einfach nicht. Er konnte nicht auf seine Eltern zugehen.
Nun waren sie tot. Er öffnete die Haustür und ging durchs den langen, dunklen Flur in die Küche, wo noch immer die alte Wachsdecke auf dem Tisch lag. Dann ging er ins Wohnzimmer. Dort fiel sein Blick auf ein Foto an der Wand. Es zeigte ihn zusammen mit seinen Eltern. Alle lachten in die Kamera. Glückliche Zeiten. Ja, die hat es auch gegeben. Er nahm das Bild von der Wand und setzte sich damit auf das alte, abgewetzte Sofa. Dort blieb er sitzen und starrte auf das Bild. Irgendwann brach die Nacht herein und er saß noch immer dort. Mit dem Bild in der Hand. Seine Stimme war rau, als er die ersten Worte sprach, ein paarmal musste er sich räuspern. Dann sprudelten die Worte nur noch so. Alles, aber auch alles erzählte er seinen Eltern auf dem Bild. Wie er sich verletzt gefühlt hatte, als sie seine Verlobte so kühl behandelt hatten. Wie hilflos er sich gefühlt hatte, als sich seine Eltern immer wieder in die Erziehung des ersten Enkelkindes eingemischt hatten. Es war so vieles, was er ihnen so lange schon hatte erzählen wollte. Auch, dass er selber Fehler gemacht hatte. Statt sich siebzehn lange Jahre zurückzuziehen, hätte er längst schon mit seinen Eltern reden sollen.
Als das erste Morgenlicht durch das Wohnzimmerfenster fiel, fühlte er sich erleichtert. Vorsichtig, fast schon zärtlich, strich er mit der rechten Hand den Staub vom Bilderrahmen. Er sah seine Eltern an und sagte: „Bitte verzeiht mir.“

Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. Bei einem Leben im Licht Gottes geht es nicht darum, möglichst wichtig im grellen Scheinwerferlicht zu stehen. Oder das Eigenheim die ganze Nacht rundherum hell erleuchten zu lassen, damit es auch wirklich alle sehen.
Nein, darum geht es nicht. Es geht um ein Leben, in dem Barmherzigkeit wichtiger ist als Vergeltung. Dass es uns möglich macht, auf Feinde zuzugehen und Frieden zu stiften, statt Hass zu säen. Ein Leben, in dem wir „bitte verzeih mir“ sagen können.
Wie der Sohn eben aus der Geschichte. Nach so unzähligen Jahren. Wenn ich versuche, mich in seine Gefühle hineinzuversetzen, wird mir sofort elend. Ich denke an viele dunkle, lange und schlaflose Nächte. An Grübeleien. An Wut und Enttäuschung, auch an Tränen. Und ich denke an den Wunsch, all die offenen Fragen und Zweifel aufzuklären, aus dem Dunkel ins Licht zu bringen. Dort, wo ich es klar sehen kann. Wo ich die Chance habe, endlich Frieden damit schließen zu können.
Sicher gibt es auch Dinge, die nie ans Licht kommen. Die für immer im Dunklen bleiben. Vielleicht, weil es an Mut fehlt oder noch zu sehr schmerzt. Vielleicht auch, weil man Angst vor der Erkenntnis eigener Fehler und Versäumnisse hat. Als Kind des Lichts zu leben bedeutet nicht, stets perfekt im Einklang mit allen anderen und sich selbst zu sein. Jeden Schatten unserer ganz persönlichen Fehlbarkeiten sofort auszuleuchten und zu klären. Das schafft doch niemand. Ich glaube nicht, dass Gott uns deswegen drohen oder gar etwas verbieten will. Nein.
Gott möchte uns mit seinem Licht Orientierung sein. Orientierung für ein friedliches und respektvolles Miteinander. Orientierung für ein erfüllendes Leben. Und sollte es uns mal passieren, dass wir aus diesem Licht heraustreten, nimmt Gott uns das nicht übel. Auch erwartet er dafür keine Rechtfertigung. Gott blickt voller Güte auf unsere Schatten und verzeiht uns, wenn wir ihn einsichtig darum bitten. Gott macht es uns möglich, der Dunkelheit den Rücken zu kehren und zurück ins Licht zu kommen.

Ob nun die Angst bei einem späten Gang (über den Friedhof) dunkle Schatten auf uns wirft oder ein langjähriger Familienstreit unser Leben verdunkelt – Gott ist auch jenseits des Lichts an unserer Seite. Aber Gott möchte für uns ein Leben im Licht und wird uns immer wieder dabei helfen, den Weg dorthin zurückzufinden. Für Gott sind wir einfach immer Kinder des Lichts – egal, wo wir gerade sind – im hellen Licht, im Halbdunkel oder im ganz Dunklen.
Amen.

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